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Studie zu zeitvariablen Netzentgelten: Interview mit Dr. Lehmann

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Durch die Energiewende steigt die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien rasant. Dies erfordert einen stetigen Ausbau der Stromnetze, zumal der regional produzierte „grüne“ Strom häufig nicht regional genutzt wird. Da der Netzausbau mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien nicht Schritt hält, kommt es zu Netzengpässen und damit verbundenen Netzeingriffen. Beides führt zu hohen Kosten, die vom Netzbetreiber über die Netzentgelte auf den Strompreis umgelegt werden. Zeitvariable Netztarife können hier Abhilfe schaffen. Sie regen Stromverbraucher zu einem netzentlastenden Verhalten an – zum Wohl für alle Seiten, wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung E-Bridge Consulting im Auftrag der MITNETZ STROM ergab. Wir sprachen dazu mit Dr. Michael Lehmann, Leiter Prozess- und Systemmanagement Meter2Cash bei MITNETZ STROM, welcher die Studie begleitet hat.

Herr Dr. Lehmann, was sind zeitvariable Netztarife?

Lehmann: Zeitvariable Netztarife folgen einem Prinzip, das Verbrauchern sehr vertraut ist. Hinter ihnen verbergen sich unterschiedliche Preise für Netzentgelte zu unterschiedlichen Zeiten. Sie sind dann besonders niedrig, wenn aufgrund günstiger Witterungsbedingungen sehr viel Strom aus erneuerbaren Energien ins Stromnetz eingespeist wird, der zu Netzengpässen und damit verbundenen Netzeingriffen führen kann. Um als Stromverbraucher in ihren Genuss zu kommen, müssen Stromversorger variable Stromtarife anbieten, die zeitvariable Netztarife beinhalten. Noch gibt es diese nicht, da die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen fehlen.  

Warum ist die Einführung zeitvariabler Netztarife sinnvoll?

Lehmann: Bislang fehlen in unserem Netzentgelte-System Anreize für eine Netzentlastung durch den Stromverbraucher. Er hat keine Informationen darüber, wann sein Verbrauchsverhalten netzdienlich ist. Er hat keinen Grund, dies zu ändern, weil eine Verschiebung seines Verbrauchs in Zeiten mit hoher Stromeinspeisung aus erneuerbaren Energien nicht belohnt wird. Zeitvariable Tarife ändern das. Mit ihnen setzt der Netzbetreiber Impulse, sich als Stromverbraucher flexibel und damit netzfreundlich zu verhalten.

Was sind die Vorteile zeitvariabler Netztarife für den Netzbetreiber?

Lehmann: Durch zeitvariable Netztarife werden bestehende Stromnetze besser ausgelastet. Es kommt zu weniger Netzengpässen und Netzeingriffen. Ein unnötiger Netzausbau wird zudem vermieden.

Was sind die Vorteile zeitvariabler Netztarife für den Stromverbraucher?

Lehmann: Der Stromverbraucher spart Stromkosten. Er tut zudem etwas für die Umsetzung der Energiewende und die Förderung des Klimaschutzes vor seiner Haustür – und das alles ohne Komforteinbußen.

Für welche Stromkunden sind zeitvariable Netztarife besonders sinnvoll?

Lehmann: Zeitvariable Netztarife sind vor allem für Stromkunden interessant, die in der Lage sind, Strom zu speichern. Das können zum Beispiel Stromverbraucher mit Elektrofahrzeugen oder Wärmepumpen sein.

Was benötigen Stromverbraucher, um zeitvariable Netztarife zu nutzen?

Lehmann: Stromkunden brauchen ein intelligentes Messsystem und ein Energiemanagementsystem. Beide werden von MITNETZ STROM schon jetzt angeboten. Das intelligente Messsystem liefert dem Netzbetreiber automatisch die notwendigen Verbrauchsdaten. Das Energiemanagementsystem regelt automatisch das individuelle Verbrauchsverhalten des Stromkunden, welches dieser vorab mit dem Netzbetreiber abgestimmt hat.

Welche Effekte haben zeitvariable Netztarife für den Ausbau erneuerbarer Energien?

Lehmann: Zeitvariable Netztarife fördern ein flexibles Verbrauchsverhalten des Stromkunden, das auf die witterungsbedingt schwankende Stromeinspeisung abgestellt ist. Sie ermöglichen so, mehr erneuerbare Energien ohne Mehrkosten in das bestehende Stromnetz zu integrieren. Sie begünstigen zudem, dass lokal erzeugter Strom lokal verbraucht wird. 

Welche Effekte haben zeitvariable Netztarife für den Klimaschutz?

Lehmann: Zeitvariable Netztarife senden Preissignale aus, die die Stromverbraucher anregen, mehr Strom aus erneuerbaren Energien zu nutzen, der vor Ort produziert wird. Dies fördert den Klimaschutz. So fahren beispielsweise Halter von Elektrofahrzeugen mit zeitvariablen Netztarifen deutlich klimafreundlicher als ohne.

MITNETZ STROM hat zeitvariable Netztarife in einer Praxis-Studie bei Stromverbrau-chern mit Elektrofahrzeugen getestet. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse? 

Lehmann: Die in der im Saalekreis gelegenen Gemeinde Brachwitz durchgeführte Praxis-Studie hat unsere Annahmen bestätigt. Zeitvariable Netztarife sind vergleichsweise einfach einzuführen und erfüllen die Erwartungen von Netzbetreibern und Stromverbrauchern. Die bestätigen Erfolge ermutigen uns, größer angelegte Tests mit noch mehr Stromkunden im Netzgebiet durchführen. Von ihnen erwarten wir uns weitere Verbesserungsvorschläge mit Blick auf die Benutzerfreundlichkeit zu erhalten. Wir denken hier vor allem an Nutzer von Elektrofahrzeugen.  

Was ist für die Einführung zeitvariabler Netztarife erforderlich?

Lehmann: Wir müssen darauf achten, dass in der aktuellen politischen Diskussion über die Neuregelung der Netzentgelte die Weichen für zeitvariable Netztarife gestellt werden. Weiterhin müssen wir für die Stromverbraucher, die die Weiterentwicklung der Energiewende mit uns aktiv mitgestalten wollen, einfach verständliche und attraktive Produkte anbieten. 

Wie treibt MITNETZ STROM die Entwicklung zeitvariabler Netztarife voran?

Lehmann: Wir führen Studien und Praxistests durch und setzen uns auf Bundes- und Länderebene aktiv für die Einführung zeitvariabler Netztarife ein, die so schnell wie möglich kommen müssen. 

Dr. Michael Lehmann, Leiter Prozess- und Systemmanagement Meter2Cash - Portrait
Dr. Michael Lehmann, Leiter Prozess- und Systemmanagement Meter2Cash


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